Aktuelles 2015 - Nds.Beratungsstelle für Sinti und Roma e.V.

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Aktuelles 2015

Archiv
„Sprecht mit uns, nicht über uns“, sagt Jonny Böhmer vom Niedersächsischen Verband Deutscher Sinti. Der Osnabrücker weiß, dass Sinti im Alltag regelmäßigen Anfeindungen ausgesetzt sind. Unwissenheit sei das größte Problem, meint er. Foto: David Ebener


Osnabrück. 
Eigentlich ist eine Zeltmission, wie sie aktuell in Osnabrück auf dem Gelände der ehemaligen Landwehrkaserne stattfindet, nichts Besonderes. Es werden Zelte und Wohnwagen aufgestellt, man isst, trinkt, musiziert und betet zusammen. Und doch ist dieses Treffen außergewöhnlich: Es ist eine Sinti-Zeltmission.
Wer über Sinti schreiben will, hat ein Problem. Denn während bei anderen Themen die Notizen vom Block geradezu von selbst in die Zeilen springen, muss der Autor hier erst einmal innehalten. Zu viele Vorurteile, zu viele Klischees, zu viele Begriffe drängen sich in den Vordergrund. Die Liste der Worte, die der Autor auf keinen Fall benutzen will, wird länger, je intensiver er sich dem Thema widmet.

So leicht, so schwer

Zum Glück gibt es Menschen wie Jonny Böhmer. Er ist Osnabrücker, „durch und durch, in siebter Generation“ und vom Niedersächsischen Verband deutscher Sinti. Wenn man ihn fragt, wie er einem Kind den Begriff Sinti erklären würde, lacht der Vater von fünf Kindern. Das sei doch ganz leicht: „Sinti sind Deutsche mit einer besonderen Kultur“, sagt er. So einfach. Und doch so schwierig.

Der schwarze Trunk

Seit 600 Jahren leben Sinti im deutschsprachigen Raum, 1407 wurden sie in Hildesheim erstmals urkundlich erwähnt. Und freundlich in der Bischofsstadt begrüßt: „Es gab den schwarzen Trunk“, erzählt Böhmer, als sei er dabei gewesen. Auch dieser kräftige Mann beherrscht das, was Wissenschaftler sperrig „orale Überlieferung“ nennen, eine Erzählkunst, für die die Sinti so berühmt sind wie für ihre Musik und ihre Sprache. Der schwarze Trunk? „Das war natürlich Kaffee“, sagt Böhmer und lächelt verschmitzt.
Geschichtsfans dürfen gern anmerken, dass der Kaffee wohl erst sehr viel später in Deutschland in die Becher floss. Aber ist das wichtig? Nein, denn die zentrale Aussage ist es, die zählt. Hier offenbart sich der Kern der ganzen Geschichte. Und der heißt: Die Sinti leben hier, seit Jahrhunderten. Sie sind „so deutsch, wie man nur sein kann“, sagt Böhmer. Und sie sind so besonders, wie es andere anerkannte nationale Minderheiten, etwa Dänen oder Sorben, auch sind.

„Größtes Problem ist Unwissenheit“

Fast zwei Wochen lang haben rund 350 Sinti aus ganz Deutschland nun in Osnabrück ihre Zelte aufgeschlagen und ihre Wohnwagen auf dem Gelände der ehemaligen Landwehrkaserne platziert. Zeltmission nennen sie das Treffen, das nicht nur Austausch, Wiedersehen, gemeinsame Gottesdienste und ein paar gemütliche Tage in der Gemeinschaft bedeutet, sondern auch die Chance für Nicht-Sinti, diese Kultur näher kennenzulernen. „Das größte Problem ist Unwissenheit“, so Böhmer und berichtet, wie er immer und immer wieder neu erklären müsse, dass aus dem „fahrenden Volk“ längst ein sesshaftes geworden ist. „Ich kenne keinen Sinti, der nicht von sich sagen würde, dass er sesshaft ist“, sagt Böhmer.
Ein Balance-Akt

Es sei eine Gratwanderung zwischen Anpassung und der Bewahrung ihrer ureigenen Kultur, beschreibt es der Familienvater geduldig. Doch wie geduldig muss man sein, um immer und immer wieder Selbstverständlichkeiten zu betonen? Der Glaube helfe ihm, sagt Böhmer. „Gott liebt mich, weil ich ich bin, ohne Bedingungen“, erklärt der Osnabrücker.

Verfolgt und getötet

Tatsächlich werden Sinti in Deutschland bis heute angefeindet, ausgegrenzt und diskriminiert. Und das, nachdem die Nationalsozialisten die Sinti aus rein rassistischen Gründen nahezu vollständig vernichtet haben. „Mein Opa musste sich in Osnabrück an den Bahnhof stellen mit einem Schild um den Hals. Darauf stand: ,Ich bin Zigeuner, ich will nach Auschwitz‘. Und so kam er nach Auschwitz“, erzählt Böhmer.
Insgesamt ermordeten die Nazis rund eine halbe Million Sinti und Roma. Die wenigen Tausend Sinti, die nach dem Krieg noch in Deutschland lebten, warteten vergeblich auf Entschädigungen. Erst in den Achtzigern habe Kanzler Helmut Schmidt sich entschuldigt, erinnert sich Böhmer. „Man hat uns einfach vergessen“, glaubt er.
Lehrpläne anpassen

Da passt es, dass die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders, nun fordert, die Geschichte und die Verfolgung der Sinti und Roma in die Lehrpläne der Schulen aufzunehmen. „Der Völkermord an Sinti und Roma ist ein unsagbar schändlicher und beschämender Teil der deutschen Geschichte, der jahrzehntelang verharmlost und verschwiegen wurde. Umso unerträglicher ist es, dass manchen dieser Genozid nicht einmal bekannt ist“, sagte Lüders in Berlin. Am Sonntag, 2. August, ist der offizielle Gedenktag für die Ermordung von Roma und Sinti im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. „Streichen Sie das Wort Zigeuner aus Ihrem Wortschatz“, sagt Böhmer.
Bis heute ist vieles unerträglich für die Sinti, auch im Alltag. Das fängt damit an, dass Sinti-Kinder nicht zu Geburtstagen eingeladen werden, und gipfelt in schändlichen Kommentaren im Internet. Auf der Facebookseite der NPD Osnabrück findet sich eine Ankündigung des Sinti-Treffens in der Stadt. Darüber steht der Satz: „Wir fordern die Osnabrücker Polizei dazu auf präsent zu sein!“

„Wir stehen hier mit offenen Armen“

Polizei ist nicht zu sehen, dafür Männer, die für das Abendessen den Grill angeschmissen haben, Kinder, die schaukeln und mit einem Ball spielen. Aus dem großen Zelt mit den vielen Sitzbänken schallt melancholische Musik und mehrstimmiger Gesang. Die Frauen üben für den Gottesdienst am Abend. Die Stadt habe dieses Treffen unkompliziert möglich gemacht, lobt Böhmer. Und viele Osnabrücker seien vorbeigekommen, um sich zu informieren, ins Gespräch zu kommen. „Das freut uns sehr“, sagt Böhmer. „Wir stehen hier mit offenen Armen.“
In der „Asylschublade“

Zugleich werde es im Alltag aktuell wieder schlimmer mit den Anfeindungen, sagt Böhmer. Grund ist die Debatte um die vielen Flüchtlinge, die nach Deutschland wollen. „Wir Sinti werden immer wieder in die Asylschublade gesteckt.“ Wer dies tut, irrt in der Tat: Rund 60.000 Sinti deutscher Staatsbürgerschaft leben in Deutschland. Doch weil auch viele Flüchtlinge aus den Balkan-Staaten derzeit nach Deutschland kommen, liegt Verallgemeinerung nah. „Das, was die Roma aktuell durchmachen, kennen wir auch. Doch das haben wir hinter uns, wir sind heute in einer ganz anderen Situation“, sagt Böhmer.

Hoffen für die Kinder

Doch auch wenn die Sinti schon ein gutes Stück vorangekommen sind: Bis zur echten Anerkennung wird es noch lange dauern. Das weiß auch Böhmer. „Mir macht das nichts aus. Aber ich hoffe für die Kinder, für meinen jüngsten Sohn, dass es ihnen anders, dass es ihnen besser ergeht. Was soll ich ihm denn sagen? Dass er ein Zigeuner ist?“ Böhmers Jüngster ist sechs. Höchste Zeit, dass seine Schulbücher ein neues Kapitel bekommen: Über Sinti – Deutsche mit einer besonderen Kultur.

Text und Foto übernommen aus der Neuen Osnabrücker Zeitung vom 31.07.2015


--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Auf Initiative vom Forum für Sinti und Roma e.V aus Hannover wurde am 4.Mai 2015 eine Gedenktafel vor dem Polizeipräsidium Hannover enthüllt








Bürgermeister Thomas Hermann und Polizeipräsident Volker Kluwe haben am 04. Mai 2015 eine Informationstafel der Landeshauptstadt Hannover am Eingang des Polizeigebäudes an der Hardenbergstraße enthüllt.
Die Tafel beinhaltet Informationen über Organisation und Funktion der Polizei während der NS-Diktatur, zudem erinnert sie an die Menschen, die in dieser Zeit von der Polizei misshandelt, verfolgt und getötet wurden.
-------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

---------------------------------------------------------------------------------------------------
Minderheitenschutz für Sinti und Roma in Niedersachsen
Verhandlungen über Staatsvertrag

Die Grünen in Niedersachsen wollen die Stellung der Sinti und Roma als Minderheit schützen. Sie wollen sich „für einen Staatsvertrag mit den Sinti und Roma nach baden-württembergischen Vorbild" einsetzen, so berichtet es die Taz auf ihrer Internetseite. In Baden-Würtemberg gibt es also schon solche die Sinti und Roma schützenden Vereinbarungen. Und auch in einigen anderen Bundesländern sind Sinti und Roma als Minderheit in der Landesverfassung geschützt. Damit wird ein Rahmenübereinkommen des Europarats zum Schutz nationaler Minderheiten umgesetzt. Endlich. Denn dieses hat Deutschland bereits 1995, also vor 20 Jahren, unterschrieben. Da drängen sich viele Fragen auf, die wir Boris Erchenbrecher vom Niedersächsischen Verband Deutscher Sinti e.V. gestellt haben. Zunächst erklärt er, was alles in diesem Staatsvertrag geregelt werden soll. 

Interview von Radio Corax mit Boris Erchenbrecher geführt am 23.04.2015 der Text wurde von Radio Corax geschrieben

---------------------------------------------------------------------------------------------------
Presseerklärung

Das Maß ist voll – deutsche Sinti geraten zu Unrecht in Asyl- und Flüchtlingsdebatte.
Am 21.09.2014 äußerte sich Innenminister De Maiziere im Interview von „Berlin- Direkt“ zur Flüchtlingsproblematik: Wirtschaftsflüchtlinge hätten keinen Anspruch auf Asyl in Deutschland. Auch wenn etwa "Sinti und Roma in ihren Ländern natürlich diskriminiert" würden.
Sinti leben nicht in Südosteuropa. Sinti leben seit 600 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands. Sie sind keine Flüchtlinge. Sie suchen kein Asyl. Im 1998 als Bundesgesetz in Kraft getretenen Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten werden sie, wie auch die kleinere Gruppe der seit 200 Jahren hier lebenden Roma, als nationale Minderheit der deutschen Sinti und Roma bezeichnet.
Trotzdem wird seit Jahren von deutschen politischen Vertretern aller Parteien und in den Medien von Arbeits- und Armutsmigration von Sinti und Roma berichtet. Dabei werden fälschlicherweise Sinti und deutsche Roma mit zuwandernden Roma aus Südosteuropa in Zusammenhang gebracht und als eine Volksgruppe beschrieben.
Dies hat fatale Auswirkungen für die nationale Minderheit der deutschen Sinti und Roma. Die ständige Wiederholung des Wortpaares Sinti und Roma im Zusammenhang mit Zuwanderung hat für Sinti zur Folge, dass ihre Integration in die Gesellschaft erneut in Frage gestellt wird. Täglich werden Sinti heute nach ihrer Herkunft befragt – wird Ihnen ein nicht gesicherter Aufenthaltsstatus unterstellt mit unmittelbaren Folgen: Verunsicherung und Benachteiligung auf dem Wohn- und Arbeitsmarkt und im persönlichen Umfeld. 
Seit 40 Jahren kämpfen die Vereine und Verbände der deutschen Sinti und der deutschen Sinti und Roma um gesellschaftliche Anerkennung und es konnte viel erreicht werden. Nun droht der Verlust alles Erreichten, beginnt wieder die Angst vor gesellschaftlicher Ächtung und Verfolgung.
Die deutschen Sinti haben über die Jahrhunderte eine eigenständige kulturelle und sprachliche Entwicklung genommen. Sie bezeichnen sich nicht als eine Teilgruppe der Roma. Auch wenn sie wie verschiedene Romavölker ursprünglich, d.h. vor etwa 2000 Jahren, aus Indien stammen. (Auch die deutsche  Mehrheitsgesellschaft wird sich heute nicht mehr als Teilgruppe der Germanen bezeichnen. Damit könnten auch nur historische Zusammenhänge erklärt werden, aber keine heutigen politischen Verhältnisse).
Die Benutzung des Wortpaares Sinti und Roma macht nur dann Sinn, wenn über eine Thematik gesprochen wird, die beide Völker betrifft. Ein Beispiel ist die Verfolgungsgeschichte. Beide wurden von den Nationalsozialisten als „Zigeuner“ verfolgt. Beide Völker sind antiziganistischen Vorurteilen ausgesetzt, die sich auf das Konstrukt des „Zigeunerbildes“ berufen. 
Selbstverständlich muss neu zuwandernden Roma geholfen werden, wenn sie in Not sind. Die Vereine der Sinti werden im Rahmen ihrer Möglichkeiten Rat-Suchende beraten und an bestehende Hilfeeinrichtungen weitervermitteln. Manchmal hilft hier auch die sprachliche Nähe (von allerdings nur wenigen Wörtern/Begrifflichkeiten) zwischen dem Romanes der Sinti und dem der Roma. Und selbstverständlich kämpfen wir gegen Antiziganismus – gegen Rassismus, der Sinti und Roma betrifft.
Und dennoch oder gerade deshalb erwarten wir von allen Beteiligten in Politik, Verwaltung und insbesondere von der Presse, dass die notwendigen Differenzierungen vorgenommen werden. Wir fordern sie auf die deutschen Sinti nicht weiter zu diskriminieren und dafür zu sorgen, dass die die Öffentlichkeit klar und deutlich informiert wird. Wir haben genug gelitten und die jetzige Situation ist unerträglich.

Manfred Böhmer

Vorsitzender des Niedersächsischen Verbands Deutscher Sinti und der Beratungsstelle für Sinti und Roma in Hannover

Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü